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Die etwas andere Geschichte der Schall-Platte

Eine Chronik von Peter K. Burkowitz †

1870 Der am 20. 5. 1851 in Hannover geborene Emil Berliner begleitet einen Bekannten der Familie, Nathan Gotthelf, in die Auswanderung nach den USA. Dort weckt das soeben neu entwickelte Telefon sein Interesse, und er konstruiert eine Verbesserung des Mikrophons. Alexander Graham Bell kauft die Patentanmeldung für 50.000 $, was Berliner bis auf weiteres wirtschaftlich unabhängig macht und ihm die Einrichtung eines Labors ermöglicht, außerdem (während vorübergehender Rückkehr nach Deutschland zusammen mit seinem Bruder Joseph) 1881 in Hannover auch die Gründung der J. Berliner Telefonfabrik, zu der Zeit die erste in Europa.
  Emil Berliner, Original-Foto DGG Emil Berliner, Original-Foto DGG
1887 Am 26. September, in die USA zurückgekehrt, meldet Berliner sein inzwischen funktionsfähig entwickeltes „Gramophone“-Schallplatten-System (in Zinkplatte geätzte Seitenschrift) zum Patent an (Amerik. Pat.-Nr. 15232, erteilt am 8. 11. 1887). Zuvor war in Platten-Form eine Tiefenschrift-Platte von Edison bekannt geworden (Brit. Pat.-Nr. 1644, angemeldet am 24. 4. 1878, erteilt bereits am 6. 8. 1878; seine gleichzeitig in USA eingereichte Anmeldung wurde mit Hinweis auf „Britische Priorität“ für USA versagt!). In den Zeichnungen zu diesem Patent ist die „Schall-Platte“ vorweggenommen. Edison konnte jedoch keine funktionsfähige Ausführung nachweisen.
  Erste Serienfertigung aus dem Jahre 1889 mit einem Trichter aus Pappmaché: Originales Emil-Berliner-Grammophon. Erste Serienfertigung aus dem Jahre 1889 mit einem Trichter aus Pappmaché: Originales Emil-Berliner-Grammophon.
1893 gründet E. Berliner in Washington die United States Gramophone Company. Fred Gaisberg (s. Abb.) wird sein erster, alsbald weltweit bekannter Aufnahme-Produzent.
  Frederick William Gaisberg (1873 - 1951) Frederick William Gaisberg (1873 - 1951)
1895 Am 8. Oktober gründet E. Berliner zwecks Kapitalerweiterung mit Teilhabern in Philadelphia die Berliner Gramophone Company. Diese geht 1904, wiederum zwecks Erweiterung der Geschäftsgrundlage, in die Victor Talking Machine Co. über (Dir. Frank Seaman), die 1929 von RCA übernommen wird (Label: RCA Victor).
1896 überträgt E. Berliner für 15 Jahre alle Vertriebsrechte für die USA an die von Frank Seaman (aufgrund der Konstruktion eines erstmals betriebssicheren Federlaufwerks durch Eldridge R. Johnson) gegründete National Gramophone Company, die auch Herstellung und Lieferung der sich rasch ausweitenden Exporte übernehmen. In den belieferten Ländern regt sich jedoch alsbald Unmut über das einseitig amerikanische Repertoire.
1897
  • Berliner beauftragt daraufhin zwei UK-Partner, William Barry Owen und Trevor Williams, zur Erstellung internationalen Repertoires in London die UK Gramophone Company zu gründen, zunächst geplant als Artist & Repertoire Center.
  • In New York und Philadelphia werden Aufnahme-Studios eingerichtet.
  • Hartgummi wird als Pressmasse durch Schellack ersetzt.
1898 Im Juli errichten Berliners Aufnahme-Spezialisten Fred Gaisberg und Joe Sanders in Räumen des Cockburn-Hotel, London, Henriettastr., ein erstes Schallplatten-Aufnahmestudio im europäischen Wirtschaftsraum:
  Eine Pianistin (auf Trichterhöhe hochgesockelt) im ersten Emil-Berliner-Studio in London, Cockburn Hotel, Hintereingang Maiden Lane Eine Pianistin (auf Trichterhöhe hochgesockelt) im ersten Emil-Berliner-Studio in London, Cockburn Hotel, Hintereingang Maiden Lane
  Berliners US-Produktions-Partner Frank Seaman beobachtet diese Entwicklung argwöhnisch und stoppt alle Plattenlieferungen an Emil Berliners Vertriebsniederlassungen. In einer eilends einberufenen ad-hoc-Konferenz mit seinen engsten Vertrauten entsteht daraufhin der Beschluss, in der Telefonfabrik seiner Brüder Joseph und Jakob in Hannover eine Schallplattenfertigung zu improvisieren. Zwecks erster Hilfestellung wird Joe Sanders nach Hannover entsandt. Der Schachzug gelingt und entkräftet Seamans Embargo. Die anfangs nur behelfsmäßige Fertigung in Hannover entwickelt sich über Erwarten gut. Am 6. Dezember gründet Emil Berliner daraufhin mittels seiner Brüder Joseph und Jakob in Hannover die Deutsche Grammophon GmbH und in kleinem Umfang auch eine Grammophon-Apparate-Montage, zu der die Teile aus den USA kommen. Bis zum Ersten Weltkrieg entwickeln sich Berliners Schallplatten-Produktionen zum Weltmarktführer.
  Gesamtansicht von J. Berliners Telephon-Fabrik, Hannover, Kniestraße Gesamtansicht von J. Berliners Telephon-Fabrik, Hannover, Kniestraße
1900 Angesichts eines Patentstreits in den USA verlegt Berliner seinen Firmensitz nach Kanada und gründet in Montréal, Stadtteil Saint-Henri, die Gram-O-Phone Co. Die „Hunde-Marke“ erhält den Schriftzug His Master´s Voice.
  Der Hund „Nipper“ Der Hund „Nipper“
 
  • Am 27. Juni wird die Deutsche Grammophon GmbH in eine Aktiengesellschaft umgewandelt; Gründer sind die Deutsche Grammophon GmbH, die Orpheus Musikwerke GmbH, Leipzig, und die UK Gramophone Company, London. Letztere übernimmt kurz darauf alle Anteile.
  • Wegen Namensänderung in London wird ab Dezember vorübergehend (bis 1908) auch der Betrieb in Hannover in Gramophone & Typewriter GmbH umbenannt.
  • Das Hauptquartier der Deutsche Grammophon AG und die Geräte-Montage werden nach Berlin-Mitte, Markgrafenstrasse 76, verlegt, und es wird auch ein Aufnahme-Atelier mit Werkstatt eingerichtet. Vorstand der Deutsche Grammophon AG wird der schon zu den Gründern der Berliner Gramophone Co. in Philadelphia gehörende Theodore B. Birnbaum.
  • Zweigniederlassungen in Russland und Österreich werden gegründet.
  • Übergang von der Zinkätzung zum Wachsschnitt. (Für die Herstellung des Originals verwendete Berliner bis dato eine Zinkplatte mit einer dünnen Hartfettschicht. Bei der Aufnahme verdrängte der mit der Membran der Schalldose verbundene Stift diese Schicht bis zur Metalloberfläche genau entsprechend dem Verlauf der Schallschwingungen. Anschließend wurde die derart „beschriebene“ Zinkplatte in ein Ätzbad getaucht, wodurch der Schwingungsverlauf sich kanalförmig in das Metall „hineinfraß“. Davon wurden dann mit den bekannten galvanoplastischen Verfahren die Kupferabzüge bis zur Pressmatrize hergestellt. Die so entstandenen Rillenoberflächen waren aber alles andere als glatt und blank, was beim Abspielen erhebliche Geräusche verursachte. Deshalb wurde dieses Verfahren aufgegeben und durch den allgemein üblich werdenden Schnitt einer keilförmigen, glatten Rille mittels polierter Schneidstichel in eine massive runde Wachsplatte ersetzt.)