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Die etwas andere Geschichte der Schall-Platte

Eine Chronik von Peter K. Burkowitz †

1901
  • Vergrößerung des Plattenformats von 17 cm auf 25 cm und Einführung der Papier-Etiketten.
  • Berliners GRAM-O-PHONE in Kanada hat bereits zwei Millionen Platten verkauft, in der Rue Sainte-Catherine einen Nipper-tapezierten Laden eingerichtet und ein großzügig eingerichtetes Tonstudio eröffnet, das vor allem vielen Jazz-Musikern (wie sich herausstellt, äußerst erfolgreiche) eine unbehelligte Aufnahme-Arbeit bietet, nachdem der Autofabrikant Ford in den USA eine Hetzkampagne gegen Jazz als „Jüdisches Machwerk“ entfesselt hatte [s. Artikel von Lothar Baier, DIE ZEIT].
  • Deutsche Grammophon wirbt: „Wir offerieren über 5.000 Aufnahmen (Gaisbergs Verdienst! – d. Verf.) in allen Sprachen der Welt. Stärkster Ton! Natürlichster Ton! Harte Platten – keine weichen Walzen!“
1902 Die ersten sechs Aufnahmen mit dem noch jungen Caruso für 100 £ Honorar (1 £ = 20 Reichsmark = 10 Tage Arbeitslohn).
  Der erste „Star“ der Plattenindustrie: Enrico Caruso (1873 - 1921) Brief von Enrico Caruso an die Deutsche Grammophon AG, Berlin: „Ich habe soeben die Probeplatten der von mir zuletzt in Amerika gemachten Neuaufnahmen gehört, und ich kann Sie aufrichtig beglückwünschen. Wenn es überhaupt noch möglich war, dass Ihr Aufnahmeverfahren in irgendeiner Weise vervollkommnet wird, so beweist die vorzügliche Reproduktion meiner neuen Platten die höchste Vollendung.“
 
  • Nach großem Erfolg erster Lizenzvertrag mit damaligem Star-Tenor Francesco Tamagno. Beteiligung: 10 % vom Verkaufspreis von 1 £ pro Platte.
  • Platten-Durchmesser erstmalig 30 cm, Spielzeit ca. 5 Minuten.
  • 1901/02: 25 % Dividende.
  • Wegen beginnender Raumknappheit in Hannover, Kniestraße, Pacht des Fabrikgrundstücks an der Podbielskistraße (vormals Celler Straße, Groß-Buchholz, Separatorenfabrik Franz Daseking).
  Gepachtetes Fabrikgrundstück an der Podbielskistraße Gepachtetes Fabrikgrundstück an der Podbielskistraße
1903 Die DGG kauft den wenige Jahre zuvor gegründeten Wettbewerber International Zonophon Company in Berlin und spaltet die Angebotspolitik in Hochpreis (DG Klassik, Emblem „Schreibender Engel“) und Niedrigpreis (Zonophon, U- und Volksmusik, Verkauf über Grossisten).
1904
  • Birnbaum geht nach London als Generaldirektor sämtlicher europäischer Grammophon-Gesellschaften. Nachfolger in Berlin wird N. M. Rodkinson von der Niederlassung in St. Petersburg.
  • Erste doppelseitige Platten.
  • Einzelhandels-Verkauf der Platten wechselt allmählich vom Spielzeug- und Fahrradhandel zum Musikalienhandel und zu Spezialgeschäften.
1906 In Hannover arbeiten 200 Pressen, Tagesausstoß 36.000 Platten.
1907 In Hayes bei London erwirbt The Gramophone Company ein Grundstück mit Bahnanschluss. Hier entsteht eine neue umfangreiche Fertigungsstätte. Der ursprüngliche Plan, nur in Hannover zu produzieren, musste wegen des weltweit anschwellenden Bedarfs revidiert werden.
  Die EMI-Fertigungsanlagen in Hayes, Middlesex, etwa 1970 Die EMI-Fertigungsanlagen in Hayes, Middlesex, etwa 1970
  Der erste Spatenstich für Hauptverwaltung, Fabrik und Studios erfolgt durch den Tenor Edward Lloyd im Februar 1907, die Grundsteinlegung im Mai durch die Sängerin Nellie Melba.
  Die Sängerin Nellie Melba bei der Grundsteinlegung  (Bild mit freundlicher Genehmigung von Tony Locantro) Die Sängerin Nellie Melba bei der Grundsteinlegung (Bild mit freundlicher Genehmigung von Tony Locantro)
 
  • Rodkinson geht von Berlin nach Indien, die Leitung der DG AG übernimmt Leo B. Cohn (ändert seinen Namen nach Heirat der Sängerin Elisabeth von Endert in Curt).
  • In großen Sälen werden Konzerte mittels Grammophon-Apparaten angeboten. Um die Schalleistung zu erhöhen, konstruieren DG-Techniker ein mit Pressluft-Verstärkung arbeitendes „Auxetophon“, dem aber wegen der Nebengeräusche nur kurzes Leben beschieden ist.
  • Erste trichterlose Apparate kommen auf, bei denen die Schallführung in ein Gehäuse integriert ist.
1908
  • Vor-Kriegs-Rekord-Ausstoß 6,2 Mio. Platten pro Jahr.
  • Kauf des Fabrik-Grundstücks in der Podbielskistraße, Hannover; Rückwandelung des Firmennamens (s. 1900).
  • In den Grammophon-Apparate-Werkstätten am Standort Berlin sind inzwischen über 100 Mitarbeiter beschäftigt. Laufwerke und Schalldosen kommen nach wie vor aus den USA.
  • Der Arrangeur und Produzent Bruno Seidler-Winkler erwirbt sich große Verdienste durch speziell für die Plattenaufnahme geschriebene Instrumentationen.
1909
  • Der „Schreibende Engel“ wird durch „Die Stimme seines Herrn“ ersetzt.
  • Um Vorbilder für den Einzelhandel zu geben, wird die Grammophon Spezialhaus GmbH gegründet und eröffnet Filialen in Berlin, Breslau, Düsseldorf, Köln, Königsberg, Kiel und Nürnberg.
1913 nimmt zum ersten Mal ein voll besetztes Orchester, die Berliner Philharmoniker unter Arthur Nikisch, Beethovens 5. Sinfonie auf vier doppelseitigen Platten für die Deutsche Grammophon Gesellschaft auf.
  Das Bild zeigt das BPO unter Dr. Alfred Hertz am 12.9.1913 im „Studio“ (kleine Fabrikhalle) der DGG in Berlin, also gleiche Situation wie Nikisch. Das Bild zeigt das BPO unter Dr. Alfred Hertz am 12.9.1913 im „Studio“ (kleine Fabrikhalle) der DGG in Berlin, also gleiche Situation wie Nikisch.
1914 Nach Ausbruch des ersten Weltkriegs werden in Großbritannien deutsche Vermögenswerte beschlagnahmt. Als Gegenmaßnahme wird in Deutschland britisches Vermögen sequestriert und zum Kauf angeboten, darunter, weil Tochter einer englischen Firma, auch die DG AG.
1917 Am 24. April kaufen die Polyphon Musikwerke, am 24.5.1895 in Leipzig-Wahren gegründet, die DG AG. PML stellten vorzugsweise mechanische Musikwerke mit Stimmkämmen und Orchestrien her.
1918 Beide Unternehmen firmieren gemeinsam unter Polyphon AG und vereinigen ihre Hauptverwaltung in der Markgrafenstr. 76, Berlin; dort werden die Aufnahmemöglichkeiten auf drei Räume erweitert. Generaldirektor wird Bruno Borchard; Direktor der Tochter DG AG wird Hugo Wünsch, seit 1908 Prokurist bei Polyphon Musikwerke. Joseph Berliner verbleibt im Vorstand der DG AG bis zu seinem Ausscheiden 1921. Leo B. Curt, bis 1918 Vorstand der DG AG, übernimmt die Grammophon Spezialhaus GmbH.
1919
  • Gründung der Österreichischen Tochter Polyphon-Sprechmaschinen und Schallplatten GmbH in Wien.
  • Gründung der Dänischen Tochter Nordisk Polyphon A. S. in Kopenhagen.
  • Gründung der Schwedischen Tochter Nordisk Polyphon A. B. in Stockholm.
  • Da große Teile des früheren, weltweit erfolgreichen Vorkriegs-Repertoires wegen eigentumsrechtlicher Trennung von der früheren englischen Muttergesellschaft nicht mehr genutzt werden können, muss zügig neues geschaffen werden. Karl Holy, Oberregisseur an der Berliner Staatsoper, und Hans B. Hasse, Dirigent und Leiter der Aufnahmeabteilung der neu zusammengestellten Firmengruppe, Techniker Walter Buhre (und Mitarbeiter Blesche, Goile, Lehmann, König, Erich) schaffen in wenigen Jahren, und dann sogar mit Bestand bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs, einen neuen, attraktiven Katalog unter Mitwirkung von Maria Ivogün, Emmi Leisner, Heinrich Schlusnus, Tino Pattiera, Wilhelm Kempff, Wilhelm Backhaus, Raoul v. Koczalski, Carl Flesch, Richard Strauss, Hans Pfitzner, Leo Blech, Herman Abendroth u. a. Die Aufnahmen finden in Berlin zumeist statt in der Musikhochschule am Zoo, im Bach-Saal, in der Liedertafel (Urbanstraße), in der Alten Jakobstraße, im Beethoven-Saal und im Kino-Saal an der Lützowstraße. Die Räume wurden stets mit Teppichen und Vorhängen so weit wie möglich gedämpft. Veranlasst durch die Schwächen der akustischen Aufnahme hat sich bis etwa 1946 in der gesamten Branche die Auffassung gehalten, dass eine Aufnahme nur den direkten Schall der Instrumente und Stimmen enthalten darf. (Erst Keilholz brachte nach 1946 von seiner Praxis bei der Reichsrundfunkgesellschaft die mit modernerer Breitbandtechnik mögliche, räumlich atmende Klanggestaltung mit.)
  • Robert Blanke wird als Prokurist Leiter des Werkes Hannover.
1922 Bereits drei Jahre vor der weltweiten Einführung elektroakustischer Aufnahme- und Wiedergabeverfahren stellen Ingenieure der DGG Wachsaufzeichnungen mit Hilfe eines selbst experimentell hergestellten, elektromagnetischen Schreibers intern vor. Über die Modulationsquelle ist nichts überliefert; vermutlich verwendeten sie mittels elektromechanischer Vorrichtungen erzeugte Messton-Signale, oder möglicherweise auch schon Versuchsaufnahmen über erste Kohlekörner-Mikrophone aus Fernsprechern. Da es in dieses Jahr passt, aber von sonstigen Details über damalige Mitarbeiter nichts überliefert ist, sei hier eine Notiz eingefügt, die frappant erhellt, welche unglaublichen Möglichkeiten die modernen Kommunikationsmittel eröffnen: Das Bild zeigt die Ankunftnotiz des offenbar dienstreisenden Walter Buhre im Hafen von New York.
  Dieser Screenshot stammt aus dem Internet, wenn man den Namen des Reisenden eingibt (Offenbar wurden inzwischen alle Passagierlisten gescant, seit es Aufzeichnungen gibt!) Dieser Screenshot stammt aus dem Internet, wenn man den Namen des Reisenden eingibt (Offenbar wurden inzwischen alle Passagierlisten gescant, seit es Aufzeichnungen gibt!)
1924 Berliner verkauft seine GRAM-O-PHONE CO. einschließlich NIPPER-Warenzeichen an die Victor Talking Machine Co.
1925
  • verfasst der DGG-Ingenieur Buhre einen Laborbericht über die erfolgreiche Entwicklung eines elektromagnetischen Schreibers, der in der Lage ist, 100 bis 4500 Hz aufzuzeichnen.
  • Das akustisch-mechanische Aufnahme- und Wiedergabe-System wird weltweit bei allen Rundfunk- und Schallplattenstudios sukzessive durch das elektroakustisch-magnetische System ersetzt.
  Elektrische Aufnahme mit einem Mikrofon, um 1925. Elektrische Aufnahme mit einem Mikrofon, um 1925.
 
  • The Gramophone Co. gründet in Deutschland als Ersatz für ihre sequestrierte Tochter DGG die Electrola GmbH mit Sitz in Nowawes bei Berlin. Der Firmenname hat Bezug auf den in diesem Jahr weltweit stattfindenden Technologiewechsel. Anfangs werden die Platten von HMV importiert, Plattenspieler und Musiktruhen aber lokal gefertigt. Alsbald macht Electrola auch Gebrauch von der Plattenfertigung bei der in Berlin ansässigen Carl Lindström AG, mit der sie später fusionieren, wonach die Firma Lindström erlischt. 1953 verlegt Electrola ihren Sitz nach Köln, firmiert ab 1972 als EMI Electrola GmbH und heute als EMI Music Germany GmbH & Co. KG.