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Die etwas andere Geschichte der Schall-Platte

Eine Chronik von Peter K. Burkowitz †

1926
  • Bei der DGG ersetzt Dr. Waldemar Hagemann das Graphitieren der Wachsplatten (um ihre Oberfläche für die galvanische Behandlung leitend zu machen) durch elektrochemische Versilberung.
  • In Berlin wird Walter Schindler von Buhre als Feinmechaniker, später Werkstattleiter, eingestellt.
1927
  • Erste Schallplattenaufnahme mit Wilhelm Furtwängler, Beethoven 5. Symphonie, Berliner Philharmoniker.
  • Matrizen-Austauschvertrag zwischen DGG und der Brunswick-Balke-Collander Co. in Chicago, der nicht nur den Zugang zum damals attraktivsten Jazz-Repertoire erschließt, sondern auch die Möglichkeit zum Import amerikanischer elektrischer Wiedergabe-Geräte.
1928
  • Erste Gesamtaufnahme von Beethovens Missa Solemnis mit den Berliner Philharmonikern unter Bruno Kittel auf elf 30-cm-Platten. Weihnachten erreicht eine 30-cm Ausgabe „Erzengel Gabriel verkündet den Hirten Christi Geburt“ erstmals die Millonen-Auflage.
  • Gründung der Nippon Polydor Chikounki K. K. in Tokio.
  Vom 9. 1. 1929 ist dieses Bild einer Aufnahme-Expedition nach Persien überliefert. Vom 9. 1. 1929 ist dieses Bild einer Aufnahme-Expedition nach Persien überliefert.
1929
  • Am 3. August dieses Jahres stirbt Emil Berliner in Washington.
  • Victor Talking Machine Co. verkaufen die von Berliner erworbene Rechte und Warenzeichen an die RCA.
  • Gründung der Societée Phonographique Française Polydor S. A. unter der Leitung von Herbert Borchardt und Erna Elchlepp
  • Höhepunkt der Fertigung: ex Hannover 10 Millionen Platten, 83.000 Tagesrekord
  • DG AG beteiligen sich an der KLANGFILM GmbH in der Erwartung eventueller Nutzungsmöglichkeiten bei der Plattenaufnahme, geben die Beteiligung aber 1932 wegen negativer Prognose wieder auf.
  • In den Zwanziger Jahren gehörten dem Aufsichtsrat der DG AG unter anderem an: Dr. Gustav Stresemann, der frühere Reichskanzler Fehrenbach, der ehem. Reichswirtschaftsminister Dr. von Raumer, Cyrus Thomas Pott (Union Corp., London), Gerrit Kreyenbroek (Teixeira, Amsterdam), Dr. Curt Sobernheim (Kommerz & Privatbank AG), Hans Arnhold (Gebr. Arnhold, Dresden/Berlin) und Martin Schiff.
1930 Im März werden angesichts der sich schon 1929 abzeichnenden Weltwirtschaftskrise die stark angewachsenen Auslandsaktivitäten – vermutlich, um sie in einem als neutral und sicher bewerteten Land vor aufziehenden Unwägbarkeiten zu schützen – in einer Holding in der Schweiz, der Polyphon-Holding AG in Basel, zusammengefasst. 1932 wird diese Holding in Polydor Holding AG umbenannt.
1931
  • The Gramophone Co. und Columbia Graphophone Co. schließen sich zu EMI (Electrical & Musical Industries) zusammen. Da CG Co. in Deutschland mit der C. Lindström AG. verbunden sind, legt das auch die spätere Fusion von Electrola und Lindström nahe.
  • In der Londoner Abbey Road wird ein gemeinsamer Tonstudio-Komplex eingerichtet, der später durch HMVKlassik-Aufnahmen und die Beatles bis heute anhaltende Weltgeltung erlangt. Hochkarätig besetzte Labors und Werkstätten für Elektroakustik werden eingerichtet, die künftig für die ganze EMI-Gruppe weltweit zuständig sind.
  Die Studio-„Villa“ in Abbey Road Die Studio-„Villa“ in Abbey Road
  Die innere Raumaufteilung in Abbey Road Die innere Raumaufteilung in Abbey Road
  Allan Dower Blumlein Allan Dower Blumlein
  14. Dezember: A. D. Blumlein, EMI-Research-Labs, meldet sein grundlegendes Stereo-Patent an, das 14.6.1933 unter der Nummer 394325 erteilt wird. Die darin vorgeschlagene 45°/45°-Schrift wird später LP-Stereo-Plattenstandard.
1932 Wegen katastrophalen Geschäftsrückgangs in der Apparatefabrik der Polyphon Werke AG in Leipzig werden diese mit der Deutschen Grammophon AG verschmolzen. Bald darauf werden die Werke in Leipzig ganz stillgelegt.
1933
  • Deutsche Grammophon AG trennen sich von der Polydor Holding in Basel und geben die Holding-Aktien ab.
  • Unter dem Druck internationaler Urhebergesellschaften und technischer Neuerungen (Rundfunk, Großübertragungsanlagen, Tonfilm, später Tonbandgeräte etc.) gründen die Schallplattenfirmen einen Schutzverband, die „Internationale Vereinigung der Phonographischen Industrie“ (IFPI), die rasch an Bedeutung gewinnt und der von 1961 bis 1964 Dr. Walter Betcke, Geschäftsführer der DGG, vorsteht.
1934 Aufgrund depressiver Geschäftslage werden die repräsentativen Geschäftsräume in der Berliner Markgrafenstraße aufgegeben und bescheidene Büros in der Jerusalemer Straße 65-66 bezogen.
1936 verfassen Duhme und A. Schaaf bei der DGG erstmals eine systematische Klassifikation und quantitative Auswertung von Schallplattengeräuschen.
1937 Die Hauptaktionäre der DGG sind wegen zunehmender rassistischer Diffamierung ausgewandert und bemühen sich um Verkauf ihrer Anteile. Ein Interims-Vorstand bringt als Gesundungsgrundlage eine Kapitalzusammenlegung zustande und ermöglicht damit einem Konsortium aus Deutsche Bank und Telefunken Gesellschaft für drahtlose Telegraphie mbH einen Sanierungsversuch, indem die DG AG liquidiert und stattdessen die Deutsche Grammophon GmbH gegründet wird. Telefunken hatten Interesse, weil ihre eigene, 1932 gegründete Telefunken Platte GmbH keine eigene Fertigungsstätte besaß. Durch die Zusammenarbeit wird der allmähliche Wiederaufstieg auch der DGG mbH eingeleitet, zumal die gesamte Fertigung der Telefunken Platte nunmehr in Hannover dazukommt und die nicht durch zeitweiligen Mittelausfall gebremste, modernste Telefunken-Aufnahmetechnik mitbenutzt werden kann.
1938
  • Maßnahmen zur Neugestaltung Berlins (u. a. durch Albert Speer) bewirken, dass DG ihr Studio in der Lützowstraße 10 aufgeben und in die Räume des ehemaligen Zentral-Theaters in der Alten Jakobstraße verlegen müssen, wo jedoch eine weit bessere akustische und technische Situation entsteht. In der Folge wird massiv hochwertiges neues Repertoire mit den Berliner Philharmonikern und der Kapelle der Staatsoper aufgenommen; zu den schon unter Vertrag stehenden Dirigenten Paul van Kempen, Carl Schuricht, Richard Strauss kommt erstmals der junge Herbert von Karajan hinzu mit ersten Aufnahmen im neuen Studio. Zu den Solisten zählen Wilhelm Kempff, Elly Ney, Alfred Sittard, Georg Kulenkampff, Erna Berger, Tiana Lemnitz, Viorica Ursuleac, Walther Ludwig, Julius Patzak, Helge Roswaenge, Heinrich Schlusnus, Franz Völker und andere mehr.
  • Für diese hochwertigen Produktionen wird das Etikett „Grammophon Meisterklasse“ eingeführt.
  • Die Verwaltung der DGG mbH wird in größere Räume nach der Ringbahnstrasse 63 in Berlin-Tempelhof verlegt.
  H. v. Karajan 1938 bei einer Aufnahme in Berlin, Studio Alte Jakobstraße H. v. Karajan 1938 bei einer Aufnahme in Berlin, Studio Alte Jakobstraße
1941
  • Ein bedeutendes Vertragswerk zwischen Siemens und AEG bringt alle Telefunken-Anteile zur AEG und alle DGG-Anteile zu Siemens, wodurch Siemens zum Alleininhaber der DGG werden. Wie sich im weiteren Verlauf zeigt, wird das zum Grundstein für eine der erfolgreichsten Epochen der DGG. Dr. Ernst von Siemens und Vorstandsmitglied Dr. Adolf Lohse nehmen fortan regen Anteil am Geschehen in der DGG.
  • Mitten im Krieg erscheint die ungekürzte Matthäus-Passion auf achtzehn 30-cm-Platten. Ein blockadebrechendes U-Boot bringt sogar die Matrizen nach Japan, wo bis Kriegsende 17.000 Sätze des Werks verkauft werden.
1942 entwickelt Dr. Emil Duhme (Siemens) bei der DGG die Vakuum-Versilberung (anstelle der elektrochemischen Versilberung). Die damit gefertigten Platten erhalten auf Anraten von Hans Domizlaff, Siemens' Berater für Stil- und Marken-Fragen, ab 1943 folgenden Aufdruck:
1943
  • E-Musik = hellblaues Etikett, Siemens Spezial, Experimentalschallplatte nach dem Silberverfahren des elektroakustischen Forschungslaboratoriums; U-Musik = rotes Etikett, Siemens Polydor, hergestellt nach dem elektroakustischen Verfahren für Tonreinheit und großen Tonumfang.
  • Einige hochwertige Produktionen, wie Beethoven 7. mit dem Staatsopernorchester Berlin unter Herbert v. Karajan und Don Quixote von und unter Richard Strauss mit dem Bayerischen Staatsorchester, werden noch realisiert.
  • 1. Januar: Siemens delegieren Dipl.-Ing. Helmut Haertel als Stellv. Geschäftsführer zur DGG.
  • Den letzten Kriegsjahren fallen das Berliner Studio und erhebliche Teile der Fabrik in Hannover zum Opfer. Haertel und Blanke leiten den Wiederaufbau. Mit ein paar erhalten gebliebenen Pressen kann alsbald wieder ein Notbetrieb in Gang gesetzt werden.
1945 genehmigt die Englische Besatzungsbehörde die Einstellung von 50 Hilfskräften zu Aufräumungsarbeiten. Direktverkäufe an die Besatzungskräfte bringen die ersten notdürftigen Einnahmen. Der am 16.8.1945 zunächst gegen 50.- RM Taschengeld pro Monat dem „Elektroakustischen Labor“ zugewiesene neue Mitarbeiter P. K. Burkowitz beginnt, zusammen mit Ing. Thieme von der SIEMENS-Niederlassung Hannover, mit dem Bau eines ersten, behelfsmäßigen Mischpults, damit wieder Aufnahmen gemacht werden können. In der Formgebung angelehnt an den V35 der RRG (Reichsrundfunkgsellschaft), wird das Pult Anfang 1946 fertig, muss sich aber mit den zu der Zeit auffindbaren Bauteilen begnügen (die in einigen Fällen – wie z. B. geschirmte Kabel – nachts aus verlassenen Flak-Stellungen „ausgebaut“ werden mussten).
1946
  • Im Mai stellen G. Schöttler und A. Schaaf bei der DGG ihre Version einer modulationsabhängigen Rillenabstands-Steuerung vor (patentiert 28. 12. 48).
  • Heinrich Keilholz, der fundierte Aufnahme-Erfahrung aus der RRG mitbringt, tritt seine bis 1966 währende Tätigkeit als Leiter der Aufnahmeabteilung bei der DGG an. Mit dem neuen Behelfs-Mischpult (3 Kanalregler, 1 Ausgangsregler, Aussteuerungs-Anzeige 10 ms auf 40 dB-Skala) und zwei herübergeretteten Neumann-„Flaschen“ (eine Druckkapsel und ein M7) macht er erste Aufnahmen im hannoverschen Beethoven-Saal und ist sehr zufrieden.
  • Nach Öffnung der Reisesperren kehrt Burkowitz am 31. August an seinen Familienwohnsitz nach Berlin zurück und nimmt dort eine Tätigkeit als Toningenieur beim RIAS auf. Hauptsächliche Kontakte: Albert Pösniker – Techn. Dir.; Otto Scheffler, Jörg Hinkel – Techn. Entwicklung u. Anlagenbau; Prof. Elsa Schiller – E-Musik-Chefin; Fried Walter, Hans Carste – Chefs U-Musik; Werner Müller – Chef Tanz-Orchester; Heinz Opitz, Fritz Ribbentrop, Alfred Schmidt, Helmut Hertlein, Helmut Krüger – Tonmeister/Toning.-Kollegen.
  • Biers und A. Schaaf beginnen bei der DGG mit der Verwendung von Pressmaterialien ohne Füll- und Schleifstoffe.
  • Von diesem Jahr an macht die DGG ihre Aufnahmen auf Magnetophonband (erste AEG-Nachkriegsmodelle).
1948
  • Da nicht mehr im Auslandsgeschäft einsetzbar, wird das Logo „DIE STIMME SEINES HERRN“ an den früheren Inhaber The Gramophone Co und dessen neue Deutsche Tochter Electrola verkauft.
  • Der Musikwissenschaftler Dr. Fred Hamel beginnt mit dem Aufbau der weltweit Beachtung und Erfolg erlangenden Archiv Produktion.
  • Konkurrent Columbia bringt in USA erste 30 cm 33⅓ UpM Langspielplatten (LP in Vinyl) heraus. Mit dem Konkurrenten RCA, die auf 17 cm 45 UpM setzen, bricht ein Format-Wettstreit aus.
1949 Die als unzweckmäßig erkannte Verbindung des Firmennamens „Siemens“ mit Schallplatten-Etiketten wird revidiert. In Zusammenarbeit mit Domizlaff entstehen das Gelbetikett Deutsche Grammophon Gesellschaft für E-Musik und das rote Polydor-Etikett für U-Musik.
1950
  • Dr. Hans-Werner Steinhausen wechselt von der Telefunken-Platte GmbH in die Technische Leitung der DGG und wird 1958 Geschäftsführer.
  • Die U-Produktion wird von Hannover nach Hamburg auf das Gelände der Studio Hamburg GmbH verlegt. Studio-Leiter der U-Produktion wird Alfred Schmidt.
  • Die DGG macht erste Stereo-Bandaufnahmen für Vergleichstests und Verwendung auf Schallplatten.