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Die etwas andere Geschichte der Schall-Platte

Eine Chronik von Peter K. Burkowitz †

1978 PolyGram rüstet Klassik-Teams und Landesgesellschaften zügig mit marktgängigen Digitalmaschinen aus und beginnt systematisch mit der Umstellung auf digitale Aufnahmeverfahren.
1979/80
  • Unter der technischen Gesamtleitung von Dr. Hermann R. Franz entwickeln PolyGram-Ingenieure (Fertigungstechnik – Dieter Soiné, Entwicklungsabteilung – Horst Söding) aufgrund eigener, bis 1961 zurückreichender Labor-Erfahrungen in Hannover die gesamte, zum CD-System gehörende Technologie der CD-Plattenfertigung. Die Märkte werden ab 1982 beliefert.
  • Die Gruppe erwirbt 1980 die restlichen 50 % am Label Casablanca.
1980 Die Gruppe übernimmt DECCA UK, Managing Director wird Reinhard Klaasen. DECCAs frühzeitiger Start in eine digitalproprietäre Zukunft bringt Vorteile beim Repertoire-Einsatz, aber auch Probleme bei internem Austausch.
1981 DG-Tonmeister Karl-August Naegler erhält in der Kategorie „Best Engineered Album, Classical“ einen Grammy Award für seine Aufnahme von Alban Bergs Lulu (Orchestre de l'Opéra de Paris, Pierre Boulez).
1983 Nach Erreichen des Ruhestandalters und einem weiteren Jahr Beratertätigkeit übergibt P. K. Burkowitz seinen betrieblichen Aufgabenbereich an Prof. Dr. Hans Hirsch (Chef E-Musik DGG) und seinen technischen Aufgabenbereich an Ing. Han Tendeloo (Chef Group-Adva). Die Leitung des DGG-Aufnahme-Bereichs übernimmt Klaus Hiemann (siehe Abb.).
  Klaus Hiemann Klaus Hiemann
1984 Erste CD-ROMs (read-only memory) werden in Hannover gefertigt.
1985 Unter dem Logo PDO beginnt eine 6-jährige Zusammenarbeit zwischen Philips und Dupont Optical.
1986 Nach der Pensionierung von R. Klaassen wird Roland Kommerell Managing Director bei DECCA.
1987
  • Die CD-Video mit Analog-Bild und Digital-Ton entsteht.
  • Anlässlich der Funkausstellung in Berlin erläutert Peter K. Burkowitz auf Einladung von Philips interessierten Besuchern Grundsätze der Aufnahmepraxis im „Digitalzeitalter“. Anschließend ergab sich die Gelegenheit zu einem Gedankenaustausch mit dem auch anwesenden Oliver Berliner über Situation und Pläne der Nachkommen Emil Berliners und die Einschätzung weiterer Entwicklungen (s. nachfolgende Abbildungen).
 
1989 Bei 2-Spur-Aufnahmen wird die Pegelauflösung von 16 Bit auf 24 Bit angehoben.
1990
  • High-Capacity-Discs (Vorläufer der DVD) werden entwickelt.
  • Auch bei Mehrspur-Aufnahmen (> 2) wird 24-Bit-Technik eingeführt.
1991
  • Restliche Fertigungseinrichtungen in Hannover, Podbielskistraße, werden nach Langenhagen verlagert.
  • Erste Aufnahmen in „4D“-Technik entstehen (A/D-Umsetzung so nahe wie möglich beim Mikrofon, auf langen Kabelwegen zum Mischpult nur digitale Signale, Auflösung im Mischprozess > CD-Standard, Auflösung in der Aufzeichnung > CD-Standard).
  • DG-Produzent Hans Weber erhält in der Kategorie „Best Classical Album“ einen Grammy Award für seine Aufnahme von Charles Ives' Orchesterwerken (New York Philharmonic, Leonard Bernstein). Für den Klang der Aufnahme ist Klaus Scheibe als Tonmeister verantwortlich.
1992 DG-Tonmeister Gregor Zielinsky erhält in der Kategorie „Best Engineered Album, Classical“ einen Grammy Award für seine Aufnahme von Leonard Bernsteins Candide (London Symphony Orchestra, Bernstein).
1993 Das bei PolyGram Hannover entwickelte CD-Recycling-Verfahren wird patentiert.
1994
  • Die PolyGram-Produktionsstätte Hannover/Langenhagen firmiert um in PolyGram Manufacturing & Distribution Centres GmbH (PMDC).
  • DG-Tonmeister Rainer Maillard erhält in der Kategorie „Best Engineered Album, Classical“ einen Grammy Award für seine Aufnahme von Bartóks The Wooden Prince und Cantata Profana (Chicago Symphony Orchestra & Chorus, Pierre Boulez).
1995 Erste spielbare High-Capacity Discs werden auf den Markt gebracht.
1996 Gute Geschäftsentwicklung und die Außerbetriebnahme des Langenhagener Verwaltungsbaus ermöglichen es Klaus Hiemann, nicht nur den alten Plan einer separaten Unterbringung zu verwirklichen, sondern dem Ganzen endlich einen gebührenden, von häufigen kommerziellen Wechseln unabhängigen Namen zu geben: Das Emil Berliner Haus. Nach Fertigstellung bezieht das Recording Center von PolyGram Hannover auf dem Firmengelände in Langenhagen das für seine Zwecke errichtete, durchweg ebenerdige Gebäude. An der Einweihung kann auch Oliver Berliner wieder teilnehmen. Auch die Straße vor dem Gelände wird umbenannt, und so gibt es nun in Hannover eine Emil-Berliner-Straße.
  Das Emil Berliner Haus in Hannover-Langenhagen: Außenansichten, Studio mit drei gekoppelten Yamaha DMC 1000, zentraler Maschinenraum
 
  • PolyGram Hannover überschreitet die Marke von 1 Milliarde gefertigte CDs.
  • Die Fertigung von DVDs mit der Speicherkapazität von 7 CD-ROM (DVD-5) läuft an.
1998
  • „100 Jahre Schallplatte“ wird gefeiert.
  • Der US-Konzern Seagram übernimmt von Philips die PolyGram-Anteile und gliedert sie in seine Universal-Unternehmen ein. Dadurch entsteht unter dem neuen Dach die weltgrößte Musikgruppe.
  • Die DVD-9 (entspricht 13 CD-ROM) geht in Serie.
  • Im Emil Berliner Haus werden die ersten Aufnahmen mit 96 kHz Abtastfrequenz produziert.
  Die ersten Aufnahmen mit 96 kHz Abtastfrequenz waren eine wahre Materialschlacht. Die ersten Aufnahmen mit 96 kHz Abtastfrequenz waren eine wahre Materialschlacht.
1999
  • PMDC wird umbenannt in Universal Manufacturing & Logistics GmbH (UML), und aus PolyGram Recording Services (PRS) wird Universal Recording Services (URS).
  • Beginn der Digitalisierung von Repertoire für den elektronischen Handel.
  • Bei einer URS-Aufnahme mit Max Raabe und seinem Palast Orchester (s. Abb. unten) kommt neben modernen Studio-Kondensatormikrofonen auch ein historisches Reisz-Mikrofon aus den späten 20er-Jahren zum Einsatz. Es stammte aus dem Museum der Fa. Georg Neumann und wurde von Manfred Hibbing (Fa. Sennheiser) restauriert. Zu sehen ist außerdem noch das Neumann CMV 3, das erste Kondensatormikrofon, ungefähr selber Zeitraum. Bei der Aufnahme wurden die Titel „Frauen brauchen immer einen Hausfreund“ und „Avalon“ eingespielt.
  V. l. n. r.: Rainer Maillard (URS), Manfred Hibbing (Fa. Sennheiser), Max Raabe (Sänger), Klaus Hiemann (URS), Wolf-Dieter Karwatky (URS) V. l. n. r.: Rainer Maillard (URS), Manfred Hibbing (Fa. Sennheiser), Max Raabe (Sänger), Klaus Hiemann (URS), Wolf-Dieter Karwatky (URS)
2000
  • Emil Berliner Studios: Unter dem Namen des „Urvaters“ der Schallplatte werden alle Dienstleistungen des bisherigen Recording Centers zusammengefasst (Aufnahme-Durchführung, Aufnahme-Technik und -Technologie, Tonband-Bearbeitung, Fertigungsvorbereitung (Mastering), Archive).
  • Auf der Musikmesse MIDEM wird Klaus Hiemann im Rahmen der Cannes Classical Awards für sein Lebenswerk geehrt und erhält den Emile Berliner Memorial Award for Lifetime Achievement.
  • Der französische Konzern Vivendi fusioniert mit Universal Music zu Vivendi-Universal.
2001
  • Januar: Seit Ende 1996 sind mehr als 5 Millionen DVDs gefertigt worden.
  • Bei den Emil Berliner Studios entsteht die erste DVD-Audio. Erste Veröffentlichungen der Labels erfolgen allerdings erst 2003 (Beispiele s. unten).
 
2002 Bei den Emil Berliner Studios wird die Abteilung Media Authoring gegründet, die sich mit dem Authoring der neuen Tonträgerformate DVD-Audio und Super Audio CD beschäftigt und hier anfangs Pionierarbeit leistet. Später kommt mit der DVD-Video auch das Bild hinzu.
2002/2003 Viel Lärm um nichts: Die Fachwelt und Teile der HiFi/High-End-Szene streiten über Sinn oder Unsinn des neuen Aufnahmeformates DSD, auf dem die Super Audio CD basiert, und eventuelle klangliche Vorteile dieses Formats gegenüber PCM, wie es bei der CD und (in hochauflösender Form) bei der DVD-Audio, dem Konkurrenz-Format zur SACD, Verwendung findet. Während die Diskussion vor allem durch hinkende Vergleiche und Marketing-Behauptungen geprägt ist, machen die Emil Berliner Studios als erstes (und einziges?) Studio weltweit den tatsächlichen Vergleich: Im Rahmen einer Aufnahme von Gustav Mahlers 2. Sinfonie mit den Wiener Philharmonikern unter Gilbert Kaplan (Deutsche Grammophon, CD: 474 380-2, SACD: 477 594-2) im Wiener Musikvereinssaal wird die komplette Aufnahmekette hinter dem Mikrofon sowohl in PCM- als auch in DSD-Technik realisiert. Um Klangunterschiede durch unterschiedliche A/D-Wandler auszuschließen, kommen spezielle Wandler zum Einsatz, die beide Formate beherrschen. Das Ergebnis der anschließenden Hörvergleiche im Doppel-Blindtest-Verfahren ist so simpel wie ernüchternd: Kein Unterschied.
2005 Die Universal-eigene Fabrik für optische Datenträger auf dem Gelände in Hannover-Langenhagen wird an den amerikanischen Konzern Entertainment Distribution Company (EDC) verkauft.
2007 Deutsche Grammophon/Universal trennt sich „aus strategischen Gründen“ von großen Teilen der hauseigenen Emil Berliner Studios. Die Abteilungen Mastering und Media Authoring werden geschlossen und von den jeweiligen Abteilungsleitern als unabhängige Firmen unter neuer Flagge weitergeführt (Eastside Mastering Studios Berlin GmbH unter Leitung von Götz-Michael Rieth und Dirk Niemeier, platin media productions GmbH & Co. KG unter Leitung von Harald Gericke); das umfangreiche Archiv ist bereits zuvor in eine separate Firma ausgegliedert worden. Übrig bleibt die Recording-Mannschaft, die nach wie vor für Deutsche Grammophon und Decca Aufnahmen durchführt.
2008 Auf dem Wege eines Management-buy-out wird aus Emil Berliner Studios – Deutsche Grammophon GmbH die neu gegründete, unabhängige Firma EBS Productions GmbH & Co. KG, die mit weitgehend gleichem Team den Namen Emil Berliner Studios weiterführt. Unterdessen wird es in Hannover-Langenhagen immer leerer: Bandarchivbestände werden zur Firma Arvato Digital Services (ehem. Sonopress) im westfälischen Gütersloh überführt.
2009
  • Die Verantwortlichen der Emil Berliner Studios beschließen, dem Standort Hannover-Langenhagen den Rücken zu kehren und nach Berlin umzuziehen. Das dortige Gebäude in der Köthener Straße 38 – nahe am Potsdamer Platz – beherbergt den historischen Meistersaal und außerdem diverse andere Firmen aus dem Bereich Medienproduktion. Die Studios werden praktisch komplett neu gebaut; die Baustelle im Erdgeschoss des Gebäudes dauert fast ein Dreivierteljahr.
  • Während in Berlin bereits der Bohrhammer dröhnt, finden in den Studios in Hannover-Langenhagen Overdub-Aufnahmen für das Album „Mezzanotte“ mit dem Schauspieler Ulrich Tukur statt (s. Abb. unten). Es sind die letzten Aufnahmen in diesem Gebäude.
  Aufnahme mit Ulrich Tukur in den Emil Berliner Studios Aufnahme mit Ulrich Tukur in den Emil Berliner Studios
2010 Die Emil Berliner Studios verlassen den Standort Hannover-Langenhagen und ziehen um nach Berlin. Am 21. 10. feiern sie am neuen Standort den Beginn einer neuen und mit guten Erwartungen begleiteten Epoche ihrer so herausragenden und vielgestaltigen Vergangenheit.

Quellen

Hinweise

Der Autor übernimmt keine Gewähr für kalendarische Daten, da die Zahlen in den Quellen nicht immer übereinstimmen.

© 2010 Peter K. Burkowitz †
Ergänzungen ab 1983 u. Internet-Aufbereitung: Daniel Kemper