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Vinyl

Direct-to-Disc

von Rainer Maillard

Back to the future
Bis weit in die 1940iger Jahre hinein sind alle Schallplattenaufnahmen Direct-to-Disc produziert worden. Das Mikrofon (oder am Anfang der Trichter) war direkt mit der Schneideanlage verbunden. Was die Musiker im Tonstudio erarbeiteten und spielten, wurde unmittelbar in die Rille geritzt. Daher sind diese Aufnahmen weder geschnitten, remixed noch sonst nachträglich bearbeitet. Mit dem Verklingen des Schlussakkords war die Produktion abgeschlossen.

Erst die Erfindung des Tonbandes erlaubte eine nachträgliche Bearbeitung der Aufnahme. Und heutzutage erweitert die Computertechnik die Möglichkeiten der Postproduktion ins fast Unendliche: schneiden, mischen, neu arrangieren, remixen, mastern und vieles mehr. Zweifellos sehr kreative und stilprägende Arbeitsschritte. Packen heute die Musiker ihre Instrumente ein, beginnt für andere die eigentliche Arbeit. Das klangliche und musikalische Ergebnis entsteht dann erst peu à peu.

Der technische Fortschritt ist auch bei Musikproduktion im Tonstudio allgegenwärtig. Aber alles in der Welt hat zwei Seiten. Das Tonband ermöglichte zwar den Schnitt, es addierte leider aber auch das Bandrauschen und leichte Verzerrungen zu dem Signal. Daher besannen sich Mitte der 1970er Jahre Produzenten und Tonmeister auf Direct-to-Disc, frei nach dem Motto: was nicht benutzt wird, kann auch nicht stören. Sie verzichten bei Schallplatenaufnahmen aus Gründen der technischen Klarheit auf das Tonband. Denn je direkter und kürzer der Signalfluss, desto höher die Qualität. Dafür nahmen sie‎ die fehlenden Möglichkeiten der Postproduktion in Kauf.

1980 stoppte die Einführung der Digitaltechnik das kurze Revival von Direct-to-Disc auf der LP. Die CD versprach Rausch- und Störungsfreiheit und nahm vielen Argumenten der Vinyl-Freunde den Wind aus den Segeln. Auch war die Hoffnung auf neue, unbegrenzte technische Möglichkeiten für viele sehr reizvoll.

Heute geben wir Direct-to-Disc jedoch wieder eine neue Chance. Nicht dass die heutige digitale Tontechnik Nachteile hätte. Für digitale Medien ist das Arbeiten mit ihr wunderbar. Aber für die analoge LP, die allem Fortschritt zum Trotz nicht totzukriegen ist, bietet Direct-to-Disc eine wunderbare Alternative.

Das klangliche Ergebnis einer Direktschnittaufnahme für die LP unterscheidet sich eindeutig von einer digitalen CD-Produktion. Das hat weniger mit der Technik selbst, sondern mehr mit der unterschiedlichen Arbeitsweise zu tun. Alles, was Musiker, Produzenten und Tonmeister auf der Aufnahme zu hören wünschen, müssen sie live und in einem Guss in die Rille bringen. Auch zwingt sie Direct-to-Disc dazu, alle Entscheidungen vor der Aufnahme zu treffen. Alle Beteiligten müssen hundertprozentig konzentriert arbeiten, jeder Fehler, jede kleinste Unaufmerksamkeit kann die ganze Aufnahme zerstören. Direct-to-Disc ist somit stets mit einem hohen Adrenalinausstoß verbunden und zeigt, was Musiker und Techniker tatsächlich zu leisten imstande sind. Ein solch herausfordernder Aufnahmeprozess wird inzwischen von vielen Musikern wieder als befreiend und zutiefst authentisch und ehrlich empfunden.

Direct-to-Disc ist keine Garantie für Qualität. Langweilige Interpretationen werden dadurch nicht besser. Man muss schon etwas zu sagen haben. Dann kann ein einzigartiges Original entstehen: ‎komplett analog und maßgeschneidert für die Vinyl-Schallplatte.

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